Ein italienischer Badeort in den 1920er Jahren. Eine deutsche Familie im Urlaub. Ein mysteriöser Hypnotiseur namens Cipolla, der die Grenzen zwischen Unterhaltung und Manipulation verwischt. Was bei Thomas Mann als düstere Parabel über die Verführungskraft autoritärer Macht beginnt, wird in Vladislav Grakovskis Inszenierung zu einer erschreckend aktuellen Studie über den Alltag der Intoleranz.
In dieser Neufassung von Nadja Frolowa steht nicht der charismatische Demagoge im Zentrum, sondern die Menschen um ihn herum: Mario, der junge Student auf der Suche nach seiner Identität. Silvestra, die selbstständige Cafébesitzerin zwischen Unabhängigkeit und gesellschaftlichem Druck. Die Eltern, die einen ruhigen Strandurlaub mit den Kindern verbringen will. So entwickelt der Text die bei Mann nur skizzierten Figuren zu lebendigen Charakteren mit eigenen Motivationen, Träumen und Ängsten. Statt der mystischen Unausweichlichkeit der Originalnovelle zeigt diese Inszenierung die alltäglichen Mechanismen, durch die Diskriminierung und autoritäres Denken in das Leben gewöhnlicher Menschen eindringen – vom Kindesalter an.
„Bürger der Weimarer Republik treffen auf die Faschisierung Italiens und denken: „Bei uns kann so etwas nie passieren”, erklärt Regisseur Vladislav Grakovski. „Aber jedes Land ist vor solchen Entwicklungen nicht gefeit, auch unser heutiges Deutschland nicht. Die Frage ist: Wie abgenutzt sind unsere demokratischen Mechanismen? Und wie bereit ist die Zivilgesellschaft zur Selbstverteidigung?”
Die Inszenierung nutzt Elemente des Theaters der 1920er Jahre, wie Kabarett oder Brechtsche Verfremdung, um die Distanz zwischen damals und heute aufzuheben. In Zeiten, da populistische Bewegungen in sozialen Medien ihre eigenen „Wahrheiten" konstruieren und demokratische Institutionen an Glaubwürdigkeit verlieren, stellt Manns Geschichte die unbequeme Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Widerstand und Gewalt?
„Das Schwäche der Demokratie liegt darin, dass sie nicht manipulativ sein darf”, so Grakovski. „Sie versucht, mit transparenten Mitteln zu überzeugen, aber die funktionieren nicht so gut wie Manipulation. Demokratie erfordert Nachdenken, Investition, bewusste Wahrnehmung. Das ist anstrengend.”
Mario verliert in dieser Version nicht nur den Kampf gegen Cipolla, sondern auch gegen sich selbst. Seine finale Handlung ist weniger mystische Erlösung als vielmehr das Versagen eines Menschen, der andere Wege des Widerstands möglicherweise gar nicht sieht und damit ungewollt die Logik derer übernimmt, denen er zu widerstehen glaubt. Die Aufführung verzichtet bewusst auf historisierende Details und macht die Geschichte dadurch zeitlos: Das internationale Theater Atelier bereitet eine Parabel über die Fragilität demokratischer Werte vor, die genauso gut heute spielen könnte wie vor hundert Jahren.